Kleidung | Nähprojekte

Herrenfrack nähen – mein vermutlich anspruchsvollstes Projekt Teil 2

17. November 2020
Herrenfrack-ganze-aufnahme

Nach der intensiven Zeit der Vorbereitung, wurde es nach einem beinahe dreiviertel Jahr Zeit, endlich mit dem Zuschnitt und dem Nähen zu beginnen. In Teil 2 nehme ich euch mit in den Entstehungsprozess und teile mit euch die üblichen Hürden, die es zu überwinden galt.

#1 Zuschnitt & weitere Vorbereitungen des Herrenfracks

Oberstoff mit hohem Schurwolle-Anteil, schwarzer Futterstoff, Satinstoff für das Revers und schwarzes Bügelvlies – viele verschiedene Stoffe warteten auf den Zuschnitt! Da das Auftragen des Schnitts auf den Stoff, sowie das Ausschneiden eher nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen zählen, fand ich diesen Schritt auch besonders mühsam. Am Ende hatte ich sehr viele einzelne Schnitteile und war lange damit beschäftigt, Schnitte aufzuzeichnen, Vlies aufzubügeln und den doch etwas rutschigen Schurwolle-Stoff zuzuschneiden.

So mühsam dieser erste Schritt auch ist, er muss sein. Nicht nur, weil es sich anders nicht nähen lässt, sondern weil das schon eines dieser berühmt berüchtigten Glücksgefühle ist, die man beim Nähen immer wieder verspürt. Da liegen nun viele verschiedene schwarze Stoffteile aufeinander, die völlig unspektakulär daliegen und ebenso Stoffreste sein könnten. Doch insgeheim weiß man, dass aus diesen Stoffteilen ein Kleidungsstück werden wird – und das freut mich einfach jedes Mal! Es ist fast wie ein Geheimnis. Es könnte alles sein, aber nur wir als SchneiderInnen wissen, was aus diesen Stoffteilen einmal entstehen wird. 

#2 Herrenfrack nähen

Nach langem Hin und Her habe ich mich nun für den Schnitt von Burdastyle entschieden. Die Anleitung war gut verständlich und der Schnitt sehr ähnlich zu meinem anderen Favoriten, von dem ich euch in Teil 1 bereits erzählt habe. Und da ich mit dem teuren Stoff nur ungern Experimente machen wollte, ging ich auf Nummer sicher. 

herrenfrack-details-revers
©sewingandscones.de

Der Frack wird im Grunde wie ein normaler Blazer genäht – außer, dass die berühmten Schöße, oder auch Schwalbenschwänze, angenäht werden. Das Innere des Schoßes wird mit dem edlen, schön glänzenden Satinstoff gefüttert, der sich auch am Revers wiederfindet. 

Doch beginnen wir von vorne. Los geht es mit einer Patte, also einer Klappe, die an einer angedeuteten Tasche an der linken Brust auf dem Oberstoff befestigt wird. Anschließend werden die Rücken- und Vorderteile zusammengenäht.

herrenfrack-detail-revers-aus-satin
©sewingandscones.de

Weiter geht es mit den Besätzen. Im nächsten Schritt werden sie zusammengenäht und schließlich am Oberteil befestigt. 

Nach dem Nähen der Ärmel kommen wir zu meinen Lieblingsteilen: Den Schößen! Die Frackschöße sind sehr schnell genäht und nicht schwierig, aber sie sind nun einmal die Besonderheit des „Königs der Herrenbekleidung“ – wie man den Herrenfrack auch so schön nennt.

schwarzer-herrenfrack-schwalbenschwanz
©sewingandscones.de

Nun Schoß und Frack-Oberjacke zusammennähen, Schulterpolster einsetzen, Futter einziehen und die Knöpfe befestigen. Ein Futter war beim Schnitt von Burdastyle übrigens nicht vorgesehen. Hierzu habe ich einen tollen Beitrag von Fredi auf „Seemannsgarn“ gefunden. Hier wird genau erklärt, wie man ein Futter bei Kleidungsstücken einnäht, die eigentlich ohne vorgesehen sind.

Danach nur noch ein Knopfloch ins Revers nähen – und fertig!

herrenfrack-in-bewegung-auf-treppe
©sewingandscones.de
rückenansicht-frack-fuer-herren-ganz
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Doch so einfach, wie es hier klingt, war es lange nicht …

#3 Was nicht so gut lief…

Wie gesagt, unterscheidet sich der Herrenfrack von der Basis kaum von einem Blazer oder einer anderen Jacke. Trotzdem hatte dieses Projekt so einige Tücken, mit denen ich nicht gerechnet habe.

Das wohl größte, kleine Desaster waren mal wieder die Ärmel. Irgendwie wollten sie einfach nicht perfekt sitzen. Wie ihr wisst, war das schon beim Trenchcoat mein Problem. Hier ebenfalls. Nach mehrmaligem Auftrennen, hatte ich es irgendwann dann doch zufriedenstellend geschafft. Wenn auch nicht perfekt – und die Erwartung an Perfektion war bei diesem Projekt noch höher als sonst. Nun gut, irgendwann reicht’s auch mit dem Auftrennen. Dann rede ich mir lieber ein, dass das Kleidungsstück so eine individuelle, selbstgenähte Note bekommt …

Ein anderes Problem war tatsächlich die Passform. Was eigentlich zu erwarten war, überraschte mich dann doch etwas. Einen wirklich perfekt sitzenden Anzug muss man meist auf den Körper schneidern. Leider bin ich mit der Maßschneiderei nicht vertraut und musste so mehr oder weniger darauf hoffen, dass die Standardmaße auch bei meinem Modell zutrafen. Im Großen und Ganzen passen diese auch. Der Herrenfrack sitzt, aber er passt eben nicht „wie angegossen“ – aber auch hier ist es der Perfektionismus, denn der neue, stolze Besitzer ist höchst zufrieden mit dem Frack.

herrenfrack-selbst-gemacht-gehend
©sewingandscones.de

#4 Fazit

Was habe ich mir da eigentlich eingebrockt? Das war wohl die Frage, die ich mir in den neun Monaten der Vorbereitung am meisten gestellt habe. Das Projekt erschien mir wirklich verrückt, aber gleichzeitig hatte ich einen extremen Ehrgeiz es zu schaffen. Ich habe mir bewusst kein Alltagskleidungsstück ausgesucht, sondern eines, das mit Ehrfurcht nur zu besonderen, eleganten Anlässen aus dem Schrank gezogen wird. Der Frack ist ein absolutes Unikat, etwas unperfekt (zumindest in meinen Augen), aber mit sehr viel Gedanken und Mühen entstanden – und natürlich mit Liebe von Hand angefertigt.

  1. Liebe Clara, soeben bin ich auf Deine Nähanleitung für einen Frack gestoßen. Ich bin sehr beeindruckt! Sich an so etwa Schwieriges heranzuwagen, erfordert Mut. Es hat sich gelohnt. Deine Geduld ist bewundernswert. Herzlichen Glückwunsch.

    B. Bloch

    1. Oh wie lieb! Vielen Dank für deinen Kommentar. Ja, das Projekt war auch alles andere als einfach und sehr zeitintensiv, aber es hat sich gelohnt! 🙂

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